3. August 2026 — wie viel Zeit Abderrahim Fakir wirklich hatte, und was das Gesetz sagt
Die vier Freiwilligen des Roten Kreuzes: Was riskieren sie wirklich? Und ist das gerecht?
Von den sechs Beteiligten sind die vier Freiwilligen des Roten Kreuzes diejenigen, über die am schlechtesten gesprochen wurde. Es lohnt sich zu trennen, was sie entschieden haben, von dem, was über ihren Köpfen entschieden wurde.
╔══ SIE SIND NICHT BESCHULDIGT ══╗
Die sechs sind IM VORLÄUFIGEN REGISTER NACH ART. 45-bis ERFASST, nicht im Register der Beschuldigten: Das ist die Wirkung der als strafrechtlicher Schutzschild bezeichneten Regelung, Gesetz Nr. 54 vom 24. April 2026, Art. 335-quinquies der Strafprozessordnung. Es ist keine Immunität und hält die Ermittlungen nicht auf. Aber wer Gegenstand von Vorprüfungen ist, ist nicht beschuldigt: „die vier beschuldigten Rettungskräfte“ zu schreiben, heißt derzeit, etwas Falsches über Menschen zu schreiben, die in ihrem Viertel identifizierbar sind.
╔══ WAS SIE NICHT ENTSCHIEDEN HABEN ══╗
Der GRÜNE CODE, die niedrigste Dringlichkeitsstufe, stammt von der Leitstelle. Ebenso die Entsendung eines BASISRETTUNGSWAGENS ohne Arzt und ohne Pflegekraft auf die Meldung „eine Person in psychiatrischer Krise“ hin.
Was sie selbst getan haben, ist das Gegenteil: Um 12.36 Uhr waren es die Freiwilligen, die die Leitstelle für eine ärztliche Rücksprache anriefen und den Notarztwagen anforderten — vor der Auseinandersetzung. Sie haben die Alarmstufe aus eigener Initiative erhöht, weil sie erkannten, dass die Lage ihre Kompetenzen überstieg. Der Notarztwagen fuhr um 12.42 Uhr ab und traf um 12.53 Uhr ein.
Eine Basisrettungsbesatzung kann einen Herzstillstand erkennen, drücken, beatmen und einen Defibrillator einsetzen. Sie kann keine erweiterte klinische Beurteilung vornehmen und keine Medikamente geben: Sie konnten Abderrahim Fakir nicht sedieren und die Fixierung durch die Beamten auf diesem Weg nicht verkürzen. Im Strafrecht wird mangelnde Fachkunde am geschuldeten Kompetenzniveau gemessen, nicht an dem eines Arztes.
Weder Alter noch Identität der vier wurden öffentlich gemacht, und dieses Archiv schreibt ihnen keine zu. Was sich sagen lässt, betrifft das System: Der außerklinische Rettungsdienst in Italien beruht weitgehend auf freiwilligem, unbezahltem Personal.
╔══ DIE SICHERE EINSATZSTELLE ══╗
Erster Grundsatz der Rettung: Man betritt keine unsichere Einsatzstelle. Das ist keine persönliche Vorsicht, sondern eine Einsatzregel. Das Rote Kreuz: „Sie waren da und warteten darauf, eingreifen zu können. Es ist nicht denkbar, dass sie das bei einer Person hätten tun können, die sich in diesem Moment in den Händen der Polizei befand.“
Der Grundsatz steht nicht in Frage. Zu klären ist seine Anwendung auf jene Minuten: WER hat die Fixierungsphase für beendet und sicher erklärt, und WANN. Von diesem Moment an geht die Verantwortung für den Körper von Abderrahim Fakir von den Beamten auf die Sanitäter über.
╔══ WAS BEWIESEN WERDEN MÜSSTE ══╗
Die Annahme der Staatsanwaltschaft lautet fahrlässige Tötung, Art. 589 des Strafgesetzbuchs, Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren. Drei Dinge sind erforderlich.
DIE GARANTENSTELLUNG. Wer einen Patienten übernimmt, hat die Pflicht, ihn zu schützen, und das Nichtverhindern eines Erfolgs steht dem Herbeiführen gleich (Art. 40 Abs. 2 des Strafgesetzbuchs). War die Einsatzstelle jedoch unter der ausschließlichen Kontrolle der Polizei, so lag die Pflicht in jenen Minuten noch nicht bei ihnen.
DAS VERSCHULDEN. Das Protokoll für psychiatrische Notfälle verbietet es, den Patienten in Bauchlage zu belassen: Er ist auf die Seite oder auf den Rücken zu legen.
DIE KAUSALITÄT — und hier entscheidet sich alles. Beim Unterlassen genügt es nicht zu beweisen, dass sie gewartet haben: Es muss bewiesen werden, dass die unterlassene gebotene Handlung den Erfolg MIT HOHEM GRAD RATIONALER GLAUBWÜRDIGKEIT VERHINDERT HÄTTE. Das ist der von den Vereinigten Senaten des Kassationshofs im Urteil Franzese Nr. 30328 aus dem Jahr 2002 aufgestellte Maßstab. Weder statistische Wahrscheinlichkeit noch Risikoerhöhung genügen: Es müsste bewiesen werden, dass Abderrahim Fakir noch lebte, wenn sie sich um 12.40 Uhr statt um 12.44 Uhr genähert hätten.
EINE FRAGE FÜR STRAFRECHTLER: Der durch das Gelli-Bianco-Gesetz eingeführte Schutz vor Haftung für mangelnde Fachkunde, Art. 590-sexies des Strafgesetzbuchs, gilt für „Angehörige der Gesundheitsberufe“. Ein Freiwilliger ohne Kammerzugehörigkeit fällt wahrscheinlich nicht darunter und wäre damit stärker exponiert als eine Pflegekraft an seiner Stelle.
╔══ WIE VIEL ZEIT ABDERRAHIM FAKIR WIRKLICH HATTE ══╗
„Nach vier Minuten irreversible Schäden“, „jede Minute kostet zehn Prozent Überlebenschance“: Zahlen, die in einem bestimmten Zusammenhang stimmen und außerhalb davon in die Irre führen.
Sie stammen aus dem Modell von Larsen und anderen, Annals of Emergency Medicine, November 1993. Der tatsächliche Rückgang ohne Behandlung beträgt 5,5 Prozent pro Minute, nicht zehn. Und die Studie beruht auf 1.667 Patienten mit KAMMERFLIMMERN: primärer Herzstillstand, noch sauerstoffreiches Blut, defibrillierbarer Rhythmus. Das ist dieser Fall nicht. Das italienische Gesundheitsinstitut nennt denn auch keine Zahl: Es schreibt „innerhalb weniger Minuten“.
WARUM DIE UHR HIER FRÜHER LÄUFT. Bei einem asphyktischen Stillstand sinkt der Sauerstoff, BEVOR das Herz stehen bleibt, und der Schaden sammelt sich während der Hypoxie an, nicht danach. Auf Abderrahim Fakir wirkten vier Faktoren zugleich:
— DIE BAUCHLAGE mit Kompression des Brustkorbs, die Ventilation und Lungenperfusion vermindert;
— DER KAMPF, der metabolische Azidose erzeugt und die Reserven aufbraucht;
— DAS PFEFFERSPRAY, ihm ins Gesicht gesprüht, als er bereits am Boden lag: Die Obduktion ergab Reizungen der Atemwege, vereinbar mit einer Inhalation;
— KOKAIN, das ein vorläufiger Test ergeben haben soll und das die endgültigen Analysen bestätigen müssen: bestätigt, erhöht es Sauerstoffverbrauch und Säureproduktion.
Hinzu kommt seine psychiatrische Krise, die die Erregung und damit die Anstrengung befeuerte.
Die am 27. Juli 2026 veröffentlichte Übersicht der Italienischen Gesellschaft für Rechts- und Versicherungsmedizin beschreibt genau dieses Zusammenwirken: Der Kollaps tritt durch schwere Azidämie und Depression der Herzkontraktilität ein, „häufig in pulsloser elektrischer Aktivität, auch ohne eine anfängliche Phase deutlicher und ausgeprägter Entsättigung“. In der Via Svevo analysierte der Defibrillator den Rhythmus und EMPFAHL KEINEN SCHOCK: ein nicht defibrillierbarer Rhythmus, die Kategorie mit der schlechtesten Prognose, in der der Schock nichts nützt und nur die Beseitigung der Ursache zählt.
KOKAIN ENTLASTET DIE FIXIERUNG NICHT, ES VERSCHÄRFT SIE. Es ist die Kombination aus Stimulanzien und Bauchlage, die das Risikoszenario ausmacht — in einer schwedischen nationalen Fallreihe von 52 Todesfällen während einer Fixierung tritt die Bauchlage in 90 Prozent der Fälle auf, Substanzen in 69. Dieselbe Übersicht warnt, dass das Vorhandensein von Kokain „es nicht erlaubt, den Tod automatisch als natürlich oder substanzbedingt einzuordnen“, und widmet ein Kapitel der Frage, ob „excited delirium“ nicht ein rechtsmedizinischer Mythos sei, der zur Rechtfertigung von Gewaltanwendung dient.
FOLGE. Die Uhr beginnt nicht zu laufen, wenn die Freiwilligen sich nähern: Sie lief bereits. „Wie viele Minuten haben die Rettungskräfte gewartet“ ist die falsche Frage. Und sie schneidet in beide Richtungen: Sie entlastet die vier Freiwilligen und erhöht das Gewicht der vorangegangenen Phase, die sie nicht betrifft.
EIN HINWEIS, DER FÜR ALLE ANWESENDEN GILT. Dieselbe Quelle merkt an, dass die Fähigkeit zu sprechen nicht beweist, dass die Ventilation ausreicht, und dass „ein plötzliches Nachlassen des Widerstands nicht automatisch als eingetretene Ruhe zu deuten ist, sondern als mögliches Zeichen respiratorischer Erschöpfung oder plötzlichen Kollapses“. Abderrahim Fakir hatte gesagt, er bekomme keine Luft. Dann wurden die Rufe schwächer, bis sie verstummten.
╔══ UND WENN SOFORT EIN ARZT GEKOMMEN WÄRE? ══╗
Das ist die Frage, auf der der Vorwurf gegen die Rettungskräfte ruht, und man stellt sie am besten vollständig: Nehmen wir an, der Arzt des Notarztwagens wäre von der ersten Minute an im Hof gewesen.
WAS ER HINZUGEFÜGT HÄTTE. Nicht den Schock des Defibrillators: Den hatte das Gerät selbst bereits ausgeschlossen, weil der Rhythmus nicht defibrillierbar war. Hinzugekommen wären Medikamente, erweitertes Atemwegsmanagement und die Möglichkeit, Abderrahim Fakir früher zu sedieren. Das sind Dinge, die zählen, WÄHREND die Kompression läuft, sehr viel weniger danach.
WAS DIE ZAHLEN SAGEN. Das Überleben nach einem Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses liegt bei etwa zehn Prozent, und weniger als zehn Prozent aller dieser Patienten werden mit guter neurologischer Funktion entlassen. Bei nicht defibrillierbaren Rhythmen asphyktischen Ursprungs sinken diese Zahlen weiter.
ALSO. Auf die Frage „hätte ein Arzt genügt“ lautet die ehrliche Antwort: zu jenem Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach nein. Auch im besten Fall war ein Ausgang ohne Hirnschädigung unwahrscheinlich, denn der hypoxische Schaden sammelt sich während der Kompression an und nicht erst von dem Moment an, in dem sich jemand zum Helfen herabbeugt. Der Arzt wurde FRÜHER gebraucht. Und genau ihn hatten die Freiwilligen um 12.36 Uhr angefordert, vor der Auseinandersetzung.
EINE ANMERKUNG ZUR METHODE. Dieses Archiv schreibt nicht, dass Abderrahim Fakir ohnehin einen Hirnschaden davongetragen hätte: Das ist nicht beweisbar, und kein Sachverständiger wird es je so formulieren. Es schreibt, dass ein unversehrter Ausgang unwahrscheinlich war — was im Strafverfahren genau der Punkt ist, auf den es ankommt. Denn wenn ein günstiger Ausgang selbst bei bestmöglicher Versorgung unwahrscheinlich war, wird der Beweis, dass die Verzögerung der Rettungskräfte den Tod MIT HOHEM GRAD RATIONALER GLAUBWÜRDIGKEIT verursacht hat — der vom Kassationshof geforderte Maßstab —, nahezu unmöglich.
╔══ DIE PFLICHT ZU ÜBERWACHEN ══╗
Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Magherini vom 15. Januar 2026 ist im Eintrag über den Rechtsrahmen vollständig wiedergegeben. Hier zählt nur ein Punkt, und er betrifft die Rettungskräfte mittelbar: Der Gerichtshof stellt fest, dass, wenn eine Person am Boden gehalten wird, nicht allein die anfängliche Rechtmäßigkeit der Gewalt wiegt, sondern auch ihre Dauer, DIE MEDIZINISCHE ÜBERWACHUNG und die Fähigkeit, eine klinische Verschlechterung rechtzeitig zu erkennen. Wer die Atmung von Abderrahim Fakir hätte überwachen sollen, während er bäuchlings und gefesselt dalag, ist eine Frage, die für den Gerichtshof zur Pflicht gehört, das Leben zu schützen.
╔══ WAS ZU KLÄREN BLEIBT ══╗
1. Wer die Fixierungsphase für beendet und sicher erklärt hat, und wann.
2. Ob die Freiwilligen sich nach vier Minuten oder nach weniger als einer genähert haben: Das wird der Speicher des von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Defibrillators zeigen.
3. Ob ein schnelleres Eingreifen den Tod mit hohem Grad rationaler Glaubwürdigkeit verhindert hätte. Es ist die einzige Frage, auf die es strafrechtlich ankommt, und die Antwort wird im Gutachten binnen neunzig Tagen nach der Obduktion erwartet.
4. Ob die endgültigen toxikologischen Analysen das Kokain bestätigen und welche Rolle sie ihm zuschreiben.
5. Ob Art. 590-sexies des Strafgesetzbuchs einen freiwilligen Rettungshelfer erfasst.
Bis dahin bleiben die vier, was sie an jenem Tag waren: Menschen, die unbezahlt losgezogen waren, um jemandem zu helfen, und die in etwas gerieten, das größer war als sie.
QUELLEN DIESES EINTRAGS (vollständige Links auf Seite 4)
— Mitteilung der Staatsanwaltschaft zum Register 45-bis: il Resto del Carlino, 23. Juli 2026. Strafrechtlicher Schutzschild: Sky TG24.
— Offizielle Chronologie der Gesundheitsbehörde und Mitteilung des Roten Kreuzes: Il Fatto Quotidiano, 20. Juli 2026.
— Die vier Minuten aus der Bodycam: il Resto del Carlino, 26. Juli 2026.
— Protokolle des Rettungsdienstes für psychiatrische Notfälle: Il Fatto Quotidiano, 23. Juli 2026.
— Pathophysiologie der Fixierung: Italienische Gesellschaft für Rechts- und Versicherungsmedizin, 27. Juli 2026.
— Überlebensmodell: Larsen, Eisenberg, Cummins, Hallstrom, Annals of Emergency Medicine, 1993. ERC-Leitlinien 2021-2025, Italian Resuscitation Council. MSD Manuals, Ausgabe für Fachkreise. Istituto Superiore di Sanità, ISSalute.
— Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Magherini und andere gegen Italien, Beschwerde Nr. 32707/19, 15. Januar 2026.
— Genannte Vorschriften: Art. 40, 113, 589 und 590-sexies des Strafgesetzbuchs; Kassationshof, Vereinigte Senate, Urteil Franzese Nr. 30328 von 2002.